Darren Aronofskys fünfter Film dreht sich um den Preis des Erfolges und ist eine audio-visuell umwerfend Reise in das Herz einer Kunstform, die so noch nie auf die Leinwand gebracht wurde: Das Ballett.
„Black Swan“ beginnt mit einem Traum in schwarz und weiß und zeigt schon in dieser ersten Szene, um was es hier geht: Ballett. Wer jetzt allerdings glaubt, „Billy Elliot“ mit weniger Homosexualität erwarten zu können, irrt gewaltig. Anstatt auf Pathos zu setzen, ist dieser Film ein ungeschönter Blick auf die mentale wie physische Qual, die mit der Kunst des Balletttanzens einhergeht: Nina, gespielt von Natalie Portman, ist eine Tänzerin, die die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des „Schwanensees“ von Tschaikovski erhält und sich infolgedessen einem hohen Erfolgsdruck ausgesetzt sieht. Schnell erfährt sie, dass Technik allein nicht ausreicht, um ihrer Doppelrolle als schwarzer und weißer Schwan gerecht zu werden, und beginnt, sich in ungeahnte Abgründe zu begeben.
Im Zentrum von „Black Swan“ steht einzig und allein Natalie Portman, mit deren Entwicklung der Film steht und fällt, und die sich trotz dieser anspruchsvollen Rolle keine Blöße gibt. Während ihre körperliche wie geistige Instabilität zu Anfang nur angedeutet wird, durchläuft sie im Laufe des Films eine beeindruckende Wandlung und macht es damit eigentlich unmöglich, sich eine andere Besetzung ihrer Rolle vorzustellen; internationale Preise sind da nur Makulatur, vor allem wenn man bedenkt, wie anstrengend die Vorbereitung auf die diversen Tanzsequenzen in Verbindung mit der bipolaren Natur ihrer Figur gewesen sein muss. Auch die restlichen Rollen sind großartig besetzt: Vor allem Vincent Cassel spielt den strengen Regisseur bravourös, indem er seiner Figur gleichzeitig das nötige Charisma sowie eine dunkle Unberechenbarkeit verleiht.
Was den Film neben seinen Darstellern zusätzlich auszeichnet, ist seine audio-visuelle Umsetzung. Clint Mansells orchestraler Soundtrack, der sich unverkennbar auf die Musik von Tschaikovski stützt und ihr ein neues Gewand verleiht, ist ständig präsent und macht vor allem den letzten Akt zu einer Tour de Force, die schwer fassbar ist und mehr als einmal für Gänsehaut sorgt. „Black Swan“ ist darüber hinaus beinahe dokumentarisch inszeniert; Aronofskys Entscheidung, das Geschehen vor allem mit Handkameras einfangen zu lassen, macht eben diese Kamera oft zu einem weiteren Tänzer, der die Zuschauer fast schon angsteinflößend nah an den Schmerz wie auch die Zerbrechlichkeit des Balletts heranbringt. Diese Inszenierung ist eine willkommene Abwechslung von den immer gleichen Totalen durch die sich z. B. Musicals kennzeichnen und verleihen „Black Swan“ den nötigen Grad an Authentizität. Darüber hinaus kommt das Bild fast ohne helle Farbtöne und Schärfe aus, was sich ab der ersten Minute in einer bedrückenden Atmosphäre widerspiegelt
Im Binarismus seiner Bildsprache wie auch Handlung ist Aronofsky dagegen nur wenig subtil; der Regisseur war noch nie für seine dezente Regieführung bekannt und macht auch hier schon sehr früh deutlich, welchen Symbolen er sich bedient, und auch, was sie bedeuten. Dass das kein Problem sein muss hat er allerdings auch vor allem schon in „The Wrestler“ bewiesen, und letztlich schafft er es auch hier wieder, seinen Filme in ein richtiges Licht zu rücken, ohne einen persönlichen Stil vermissen zu lassen.
Der einzige wirklich substanzielle Fehler, den ich dem Film vorwerfen kann, ist die Struktur der Handlung in Verbindung mit dem Figurenensemble, das, auch wenn es von sehr guten bis phänomenalen Schauspielern verkörpert wird, leider psychologische Tiefe vermissen lässt. Die Wandlung, die Nina im Laufe der Handlung durchmacht, geht auf Kosten der Nebenfiguren. Kaum eine von ihnen ist im Laufe der Story mehr als ein Stereotyp, der nur den Zweck erfüllt, Nina in immer tiefere Untiefen zu treiben, sei es nun der erwähnte Regisseur oder Ninas Rivalin, gespielt von Mila Kunis, die es auf Ninas Rolle abgesehen zu haben scheint. Dass die Handlung per se nichts Außergewöhnliches darstellt und schon relativ früh vorhersehbar ist ließe sich dem Film ebenfalls zur Last legen, auch wenn die straffe Inszenierung mir kaum Zeit ließ, über so etwas während des Films nachzudenken. Selbst wenn diese Kritikpunkte in Anbetracht der insgesamten Qualität des Films marginal erscheint, lassen sie sich aber doch nicht ganz ausklammern.
Diesen Meckereien zum Trotz ist „Black Swan“ dennoch ein umwerfendes Erlebnis, das sich kaum einordnen oder vergleichen lässt und auch ohne viele Gimmicks oder technische Spielereien zu einem Fest für Augen und Ohren wird. Die Kombination aus hervorragend aufspielenden Darstellern und einer fast hypnotischen, elektrisierenden Atmosphäre macht „Black Swan“ damit zu einem der besten Filme dieses bzw. des letzten Jahres, den man sich unter keinen Umständen entgehen lassen sollte.
Fazit: Angucken!
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